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22. März 2015, 14:13

"Luzis Tagebuch" - über die Figur Luzifer von "Zwischen Licht und Schatten"

Die Frage des Bösen hat mich seit der Kindheit beschäftigt. Wieso wurde ich für Sachen bestraft, die niemanden geschadet hat? Warum wurden Leute nicht bestraft, obwohl das, was sie mich angetan haben, in dem Moment einfach unerträglich war? Und wieso war es so falsch, wenn mich jemand geärgert hat, meine Wut auszudrucken, so dass ich allein dafür so häufig neu bestraft wurde? Waren meine Eltern, meine Schwester und meine Kindergartenrinnen böse? Wenn sie es waren, und nicht ich, war ich verloren, denn als Kind hatte ich keine Chance gegen sie.​.​.​Also hab ich mich damit arrangiert, dass ich es war, obwohl ich nicht genau wusste warum.

In meiner katholischen Schule, bekam man vor der ersten Kommunion in der 4. Klasse Religionsunterricht. Da ist es mir mehr oder weniger klar geworden. Gott war gut, der Teufel war böse. Was von dem Letzten kommt muss ganz einfach unterdrückt werden, und, wenn man dabei scheitert, dann wird man bestraft. Okay, logisch irgendwie. Nun ging es nur darum zu wissen – und wenn die Regel nicht so klar sind, zu ahnen – was im Gottes Katalog des Bösen steht. Dieses Katalog funktioniert eine Zeit lang, aber kein lebhaftes und neugieriges Kind (oder der Teufel selbst?​?​) gibt sich lang damit zufrieden. Außerdem ist die Frage unvermeidbar: wenn Gott das Böse nicht mag, wieso (zum Teufel!​!​) hat Er es geschafft und erlaubt immer noch, dass es existiert, statt es ganz einfach auszurotten?

Die Antwort – mehr oder weniger befriedigend – kam einige Jahre später in der Literaturunterricht (eine der besten Erinnerungen von der Schulzeit). Mein Lehrer João erklärte, dass Kunst von Kontrasten und Konflikte lebt. Also Gott muss ein Künstler sein! Deswegen braucht Er den Teufel, um den dunklen Spiegel vom Himmel zu kreieren und die Menschheit in Konflikt zu bringen. Sonst gibt es keine Geschichte zu erzählen. Aber schön ist diese Geschichte nicht besonders.​.​.​So viele Kriege, so viel Elend, so viel Leid, nur wegen eines Kunstwerkes Gottes? Der Teufel gewann allmählich mehr von meiner Sympathie. Wie sollte es sich anfühlen, vom Himmel vertrieben und von allen gehasst zu sein? Sogar von seinem eigenen Schöpfer abgelehnt zu werden.​.​.

Vielleicht so fühlt sich ein Neugeborenes? Erst mal geborgen im Mutterleib, ohne Bedürfnisse, ohne irgendwas tun zu müssen. Dann dieser ewig lange Fall in eine Welt mit grellem Licht, mit Verletzungen und verwirrenden Empfindungen, mit dem ständigen (wahrgenommenen) Gefahr, zum Sterben verlassen zu werden, falls wir unseren Eltern nicht gefallen. Also für immer von unserem Schöpfer getrennt. Wegen etwas, was wir nicht richtig verstehen und dafür auch nichts können.

Aus diesen Gedanken entsand 2012 das Stück „Fallen Angel“, das auf Nocturnal Culture Night aufgeführt wurde. Für meine riesige Überraschung suchte mich ein kleines Mädchen (Namens Luci.​.​.​) in Feuer und Flammen und fragte mich, was ich mit meinem Tanz ausdrucken wollte. Als ich ihr erzählte, ist ihre Mutter blass geworden: „Luci hat mich die Tage gefragt, wieso die Kinder noch im Bauch ihre Mutter so lieb haben, obwohl sie sie noch nicht einmal kennen“. Dann bin ich blass geworden. Die Frage hatte ich mich im Bezug auf Gott gestellt als ich das Stück entwickelt habe. Warum wollen wir zurück zu Gott? Oder vielleicht doch „nur“ zum Mutterleib? Vielleicht ist eine nur eine Metapher für das andere, wie der Luzifer von Mike Carey erklärt?

Als Katari mich eingeladen hat, Luzifer bei Zwischen Licht und Schatten zu inszenieren, hab ich euphorisch sofort zugesagt. Ich war froh, endlich mal wieder Zeit mit „meinem alten Freund“ zu verbringen. Katari, als der Mensch, müsste sich zwischen das Gute und das Böse entscheiden. Warum musste ich sie verführen statt sie einfach in Ruhe lassen? Was hat der Teufel davon, noch eine Seele zu quälen? Der Teufel hat ja seinen Dämonen, die vielleicht schon vor seinem Fall existierten, und seine Mitstreiter, die anderen gefallenen Engel. Aber beide können NIEMALS zurück zum Paradies und müssen sich halt mit dem Boss in der Hölle arrangieren. Aber der Mensch? Dem wurde den freien Willen gegeben. Kann der Mensch den Teufel umarmen, selbst wenn er schlechthin das Unerwünschte ist? Will Katari das?​?

Für die verschiedene Facetten des Teufels habe ich zur Unterstützung meine zwei Ensembles. Myoklonia Nocturna ist eine Legion von gefallenen Engeln und grotesken Dämonen, die in der Hölle ihr Zuhause gefunden haben. Sie zeigen das schleichende, listige und hinterhältige Böse. Bastaphydio dagegen sind das Animalische in uns, unser ES. Nichts ist natürlicher als unsere Triebe, dennoch machen sie in unserer Gesellschaft keinem das Leben einfacher.​.​.​Hier ein großes Dankeschön an Kobold für das Hintergrundbild.

In meiner Solo, eine bearbeitete Version eines Auszuges von „Fallen Angel“, findet sich Luzifer nach dem Fall das erste Mal in der Hölle. Wenn er begreift, es gibt keinen Weg zurück, macht er seine ersten Schritte in seinem neuen Da-Sein. Hier ein riesiges Dankeschön an Sascha Quandt für die Musikempfehlung, die sich sofort als das fehlende Stück für den Ankunft in der Hölle gezeigt hat. Schöner Zufall oder Botschaft des Teufels.​.​.​? Besten Dank auch an JulSiou für die Bereitschaft, extra Proben zu machen für die Mitwirkung als „mitgefallener Engel“. Und vor allem für den Blick, der verdeutlicht hat, was die ganze Rebellion zu bedeuten hatte.​.​.

Es kam während des Prozesses die Frage von Katari, ob der Teufel sich wieder mit Gott versöhnt. Hmm, das Licht ist immer faszinierend und erweckt die Sehnsucht, wieder eins mit der Quelle zu sein. Zurück zu Gott zu kehren wäre das Ende vom Schmerz des Getrennt-Sein. Aber können wir die Unschuld wieder gewinnen, wenn sie einmal verloren ist? Ich glaube nicht. Aber dafür gewinnen wir etwas anderes.

Nach der ganzen Auseinandersetzung mit dem Thema, war mir klar, was Luzifer die ganze Zeit seit meiner Kindheit sagen wollte. Gott ist Liebe. Luzifer ist jedoch nicht der Gegensatz von Liebe, sondern die radikale Form von Liebe. Sind wir in der Lage, das Inakzeptable zu anzunehmen, das Unverzeihliche zu vergeben, Schönheit in dem Scheußlichen zu erkennen und in der Dunkelheit immer noch zu sehen? Wenn ja, sind wir jenseits der Unschuld der reinen Engel im Himmel. Wenn ja, sind wir in Einklang mit Gott, der das Universum groß genug geschafft hat, sodass es genug Platz für das alles gibt.

Redakteur

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31. Januar 2011, 15:03

Was ist Gothic Bellydance überhaupt?

Man könnte versuchen Gothic Bellydance von zwei Sichtweisen zu erklären:
1) Bellydance (hier ist von orientalischem Tanz bis hin zu Tribal Fusion gemeint) hat Elementen der Gothic-Kultur integriert.
2) Die Gothic Szene hat Bellydance als eine Art von künstlerischer Manifestation entdeckt und neben anderen Kunstformen der Gothic-Kultur – Musik, Literatur, Fotografie, usw. - integriert.
Und was bedeutet das praktisch?

Bei dem ersten Fall gibt es den Versuch, Gothic Bellydance zu definieren und Elemente der Gothic Kultur darzustellen.
Bei dem zweiten Fall ist dieser Versuch weniger wichtig, weil es „selbstverständlich“ ist, wenn man sich „gotischerweise“ ausdrückt. Keine Band käme auf die Idee zu sagen „wir machen Gothic Musik weil wir nur in Moll spielen und schwarz bei unseren Auftritten anziehen“! Es wäre nicht nur falsch, sondern auch extrem klischeehaft. Es gibt keine Parameter, um Gothic zu beschreiben .Was zählt ist das Gefühl von Affinität mit dieser Kultur.

Wenn wir die Musik betrachten, sehen wir dass es eine weite Spanne gibt von Neo-Folk, Dark-Ambient, über Post-Punk, Gothic Rock, Dark-Wave, Gothic-Metal bis EBM, Industrial und sogar Cyber. Genau so ist der Gothic-Bellydance geworden. Auf „Gothla“ z.B. sieht man kaum unter sich ähnliche Auftritte! Sehr empfehlenswert dazu ist auch die DVD Serie „Gothic Bellydance“ und „Gothic Bellydance: Revelations“. Diese Tanz-Filme der Spitzenklasse zeigen umfangreiche Interpretationen mit verschiedenen technischen Hintergründen und choreographischen Ansätzen: von klassischem orientalischen Tanz über Tribal Fusion, Gypsy Fantasy und Fantasy Bellydance bis zu zeitgenössischem Tanz...!

Natürlich habe ich absolut nichts gegen den ersten Ansatz von Gothic Bellydance, den ich oben dargestellt habe. Kunst ist Kunst, keiner darf vorschreiben, was andere Künstler machen dürfen oder nicht! Wie gesagt, es geht nur um Sichtweisen. Was mir aber ein bisschen weh tut ist zu hören, dass diese unglaublich vielfältige Kunstform sich auf das Kostüm (das angeblich schwarz sein müsse...) reduziert. Auch traurig wäre eine artifizielle Definition von der Technik oder dem Inhalt zu schaffen. Interessanter als zu sagen was eine Kunstform ist, ist deren Möglichkeiten zu erforschen, und damit zu arbeiten, was sie sein und werden kann.


23. Dezember 2010, 09:09

Bauchtanz, Orientalischer Tanz und Edward Said

Immer noch umstritten sind die Begriffe Bauchtanz und Orientalischer Tanz. Heutzutage bevorzugen die meisten ernsthaften TänzerInnen „Orientalischer Tanz“, um sich von den Klischees von der „hirnlosen erotischen Puppe“ (wie Kathleen Michael es nennt) zu distanzieren.
Aber immer wieder muss ich an den Literaturwissenschaftler Edward Said und an sein Buch „Orientalism“ denken. Der Autor – ganz knapp zusammengefasst – diskutiert die kolonialistische Konstruktion des „Orients“ durch westliche „Experten“, die für einen sehr großen und heterogenen Teil der Bevölkerung einfach eine Schublade Namens „Orient“ kreiert haben. Was sie mit ihrer eurozentrischen Sicht wahrnehmen konnten, wurde dann als absolute Wahrheit dargestellt. Viele Klischees und Stereotypen die teilweise als „wissenschaftlich nachgewiesen“ gelten, werden täglich reproduziert. Darunter die Welt der 1001 Nacht...
Also wir westlichen, sagen was zu der „orientalischen Kultur“ gehört und was nicht. Wenn ich dann z.B. Isis-Wings sehe - die aus dem deutschen Ausdruckstanz stammt und vor allem durch die US-amerikanische Tänzerinnen in den Bauchtanz integriert wurde –, muss ich mich fragen, ob wir überhaupt das Recht haben, unseren Tanz als orientalisch zu bezeichnen. Nicht nur weil es nicht „aus dem Orient“ kommt, sondern auch wegen dieser nicht so schönen westlichen Praxis, den „Anderen“ zu definieren, nach belieben zu repräsentieren, und - noch schlimmer – zu behaupten, die ultimative Kenntnis über „andere Kulturen“ zu besitzen.
Das Problem ist, was kann ich aus praktischen Zwecken für „Tanz mit Elementen von verschiedenen anderen Tänzen von Asien und Nordafrika“sagen? Im Mangel einer anderen Bezeichnung frei von den „Bauchtanz-Klischees“, nutze ich weiter den Begriff „Orientalischer Tanz“, aber die Reflexion über diesen Namen muss immer da sein!
Eine Frage jedoch bleibt noch: bringt es irgendwas, wenn wir statt „Bauchtanz“ als Begriff „orientalischen Tanz“ nutzen, aber nicht dafür sorgen, dass das Image von „hirnlosen erotischen Puppen“ transformiert wird – also dass weniger Glitter und mehr Substanz in den Tanz kommt?

Una

 

        


            

    

 

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